Zur Person

 

Iris Wilhelmi (MBA) hat 2016 als Expertin für technologieorientierte Start-ups die Geschäftsführung des digitalHUB Aachen e. V. übernommen. Der Verein errichtet ein Digitalisierungszentrum, in dem digitale Start-ups gemeinsam mit Mittelstand und Industrie die Digitalisierung der Aachen Area entwickeln.

 

Iris Wilhelmi

 

Tel. +49 241 99 033 922
iris.wilhelmi@hubaachen.de
www.aachen.digital



digitalHUB Aachen: Disruptive Regionalentwicklung wird Realität im Kirchenschiff

D´fakto: „Disruptive Regionalentwicklung wird Realität im Kirchenschiff.“ So lautete der Titel Ihres Vortrags beim Forum der Wirtschaftsförderer in Berlin. Was verstehen Sie unter „Disruptiver Regionalentwicklung“?

 

Iris Wilhelmi: Das Besondere beim digitalHUB ist, dass die Unternehmen aus Mittelstand und Industrie das Heft selbst in die Hand genommen haben und in ihre eigene Zukunft, d. h. in die Digitalisierung ihrer Unternehmen, investiert haben, indem sie sich an der Errichtung des digitalHUBs Aachen beteiligt haben: In nur 40 Tagen ist es uns in einer einzigartigen Crowdfundingkampagne gelungen, die Eigenmittel von 1,5 Millionen Euro von rund 100 Unternehmen und Organisationen für die Bewerbung auf eines der heute sechs DWNRW-HUBs zusammenzutragen. Unsere Ausrichtung auf Mittelstand und Industrie aus allen Branchen ist aus unserer Sicht erfolgversprechender und nachhaltiger als Standardkonzepte zur Digitalisierung, bei denen eher Top-Down die Mittel zur Digitalisierung alleine von öffentlichen Stellen und wenigen Großkonzernen im Sinne eines Sponsorings aufgebracht werden. Und genau das habe ich als disruptive Regionalentwicklung bezeichnet, da es sich um eine echte „Bottom-up-Digitalisierungsbewegung“ handelt.

 

D´fakto: Und inwiefern im Kirchenschiff?

 

Iris Wilhelmi: Nach dem erfolgreichen Crowdfunding war eines unserer zentralen Themen die offene Frage der Räumlichkeiten. Da das Bistum Aachen und der Eigentümer der St. Elisabeth Kirche, die Familie Hermanns von der Landmarken AG, bereits zum Start unserer Initiative an Bord waren, konnten wir in der Kirche einen inspirierenden Co-Working Space mit modernen, flexiblen Arbeitsplätzen für Start-ups und Innovationsteams aus Mittelstand und Industrie schaffen. So haben wir in der DIGITAL CHURCH einen Ort der Begegnung für digitalisierungsbereite Unternehmer und innovative Start-ups geschaffen.

 

D´fakto: Die digitale Revolution oder digitale Transformation ist mehr als Einsatz von digitalen Produkten. Dies war eine Ihrer Ausgangsthesen des Vortrags in Berlin. Können Sie das erläutern?

 

Iris Wilhelmi: Die erste Welle der digitalen Revolution haben wir in Europa, Deutschland und auch Aachen verpasst, hierzu zähle ich vor allem die Suchmaschinen, Soziale Netzwerke, Smartphones und andere. Zu bedenken ist dabei, dass der Unternehmenswert von Apple und Google alleine heute schon höher ist als die der deutschen Top 15 im DAX.

 

Während die erste Welle der Digitalisierung im Wesentlichen Branchen im Bereich Business-to-Consumer „B2C“ traf, greift nun die zweite Welle unsere Wohlstandsbringerbranchen im Business-to-Business „B2B“ an. Unternehmen wie Tesla und Apple gehen beispielsweise aggressiv mit ihren Konzepten und Geschäftsmodellen in die Automobilindustrie, unsere Wohlstandsbringerbranche Nummer 1. Daher können wir die Veränderungen der Digitalisierung nicht alleine mit intelligenten Produkten und einer effizienzgesteigerten Produktion im Sinne einer Industrie 4.0 auffangen. Die Wertschöpfung wandert heute vom Produkt in Plattformen. Produkte müssen ergänzt oder gar abgelöst werden von digitalen Geschäftsmodellen. Genau hieran arbeiten wir im digitalHUB Aachen. Wir müssen also heutige Geschäftsmodelle um neue datengetriebene Services ergänzen und digitale Geschäftsmodelle entwickeln. Das ist mehr als nur eine automatisierte Produktion oder der Einsatz von IT.

 

D´fakto: Wo setzen Sie mit dem digitalHUB Aachen konkret an?

 

Iris Wilhelmi: Der Verein digitalHUB Aachen setzt sich für die Digitalisierung der Wirtschaft und der öffentlichen Hand der Region Aachen ein. Wir bringen Start-ups und IT-Mittelstand als digitale „Enabler“ mit klassischem Mittelstand und Industrie als Anwender, digitale „User“, an einem Ort zusammen, um gemeinsam neue digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln und zu realisieren. Unterstützt wird dies durch Region und Wissenschaft als „Supporter“. So wollen wir euregional im Dreiländereck Niederlande, Deutschland und Belgien eine „Aachen Area“ als digitales Innovationsland schaffen.

 

D´fakto: Wie ist das digitalHUB organisiert?

 

Iris Wilhelmi: Wir haben uns bewusst für die Gründung eines Vereins entschieden. Ein Verein trägt als Organisationsform bereits in seiner DNA die Vernetzung der Mitglieder. Die breite Allianz, die in der Aachen Area für das Thema Digitalisierung geschmiedet wurde, bringt damit digitalisierungs- und kooperationswillige Parteien als Mitglieder dieses Vereins zusammen. Heute haben wir bereits 183 Mitglieder aus Start-ups, Mittelstand, Industrie, wissenschaftlichen und städtischen Organisationen sowie Netzwerken. Die Organisation der inhaltlichen Arbeit des Vereins realisieren wir heute mit elf Fokusgruppen, die eine kontinuierliche Weiterentwicklung unseres Vereins unter Beteiligung aller Mitglieder sicherstellen.

 

D´fakto: Was bietet das digitalHUB seinen Mitgliedern ganz konkret?

 

Iris Wilhelmi: Unser Leistungsportfolio besteht aus drei Grundsäulen –Arbeitsflächen, Matching, sowie Beratung und Training. Unsere konkreten Leistungsangebote haben wir für unsere Mitglieder, die digitalen User und Enabler, entlang ihrer unterschiedlichen Reifegrade ausgerichtet und verfolgen damit das Ziel, mehr Kooperationen, Joint Ventures, digitale Gründungen und digitale Geschäftsmodelle in der Aachen Area zu realisieren. Die Arbeitsflächen umschließen unseren Co-Working-Space mit Meeting- und Konferenzräumen für Start-ups und Mittelstand, die hier gemeinsam die Geschäftsmodelle von morgen entwickeln. Der Matching-Service umfasst das direkte One to One Matching über unser Management Team, Netzwerkevents wie Meet the Start-ups, Speeddatings, atec, die Digitalkonferenz und vieles mehr. Im Bereich Beratung und Training bieten wir Gründertrainings und ein neunmonatiges Inkubationsprogramm für unsere High-Potential-Start-ups. User aus Mittelstand und Industrie erhalten Digitalisierungsschecks, Digital Consulting, Hackathons, Förder- und Finanzierungsberatung, u.v.m.

 

D´fakto: Wenn Sie eine Zwischenbilanz ziehen: Welche Erfolge konnten Sie bisher erzielen? Was sind die nächsten Ziele?

 

Iris Wilhelmi: Ein erster Erfolg war es, dass es uns gelungen ist, die Initiative in einem Verein zu bündeln. Und während wir nach der Crowdfunding-Aktion 100 Mitglieder waren, haben wir heute bereits 183 Mitglieder. Wir können alleine in 2017 auf über 60 Veranstaltungen zurückblicken. Davon haben wir 36 eigene Veranstaltungen mit über 2.300 Teilnehmern ausgerichtet und insgesamt 43 Matchings initiiert. Erste Matchings wie der „digitale Firmenwagen“ wurden erfolgreich abgeschlossen. Genau das ist unser Ziel – viele erfolgreiche Projekte und Joint Ventures zwischen Usern und Enablern zu initiieren!