Zur Person

 

Prof. Dr. Dieter Läpple ist Professor für Internationale Stadtforschung (HafenCity Universität Hamburg) und leitete das Institut für Stadt- und Regionalökonomie an der TU Harburg. Er ist „Advisor“ des Urban Age-Programms (London School of Economics) und im Wissenschaftlichen Beirat des „Future Cities Laboratory“ (Singapur).

 

Prof. Dr. Dieter Läpple
Tel. +49 40 826 829
dieter.laepple@hcu-hamburg.de
www.hcu-hamburg.de/stadtplanung/laepple



Perspektiven einer Produktiven Stadt

D´fakto: „Tertiasierung, also Herausbildung einer Dienstleistungsgesellschaft, als unumkehrbarer säkularer Trend?“, so lautete die provokante Ausgangsfrage Ihres Vortrages „Perspektiven einer Produktiven Stadt“. Sie greifen dabei das Konzept der postindustriellen Gesellschaft kritisch auf. An anderer Stelle bezeichnen Sie es konkret als postindustrielle Sackgasse. Wo setzen Sie mit Ihrer Kritik an?

 

Prof. Dr. Dieter Läpple: Zunächst können wir eine „neue Lust“ auf die Stadt beobachten. Die Menschen zieht es in die Stadt, vor allem in die Metropolen. Hier suchen sie Beschäftigungsmöglichkeiten, ein breites Dienstleistungsangebot und auch eine soziale Infrastruktur. Dieses neue Stadtwachstum ist allerdings mit erheblichen Wachstumsschmerzen verbunden. Vor allem auf dem Wohnungsmarkt stößt ein überbordender Nachfragedruck auf ein völlig unzureichendes Angebot. Die Rede ist inzwischen von einer „neuen Wohnungsnot“. Es wird immer deutlicher: der Wohnungsbau darf nicht allein dem Markt überlassen werden.

 

Dieser offensichtliche Problemdruck führt in den meisten Städten zu einer einseitigen Orientierung auf eine quantitativ ausgerichtete Wohnungspolitik. Entgegen allen professionellen Einsichten, dass die neuen urbanen Strukturen nicht mehr bestimmt sein dürfen durch funktionale Entmischung, sondern eine Re-Integration städtischer Funktionen gefragt ist, drohen monofunktionale Siedlungen zu entstehen.   

Verschärft wird diese Tendenz der Funktionsentmischung durch die weitverbreitete Vorstellung, dass Arbeitsplätze in nennenswertem Umfang zukünftig nur noch im Dienstleistungsbereich zu schaffen sind. Die auch in der deutschen Stadtdiskussion sehr verbreitete Hypothese einer postindustriellen Stadt beinhaltet letztlich – explizit oder implizit – die Vorstellung, dass das Verschwinden von Industrie, Manufakturen und Handwerk aus unseren Städten in der Folge einer Kulturalisierung und Digitalisierung der Ökonomie nicht aufzuhalten ist. Diese postindustriellen Stadtkonzepte haben dazu beitragen, dass die Städte immer mehr reduziert werden auf Orte des monofunktionalen Wohnens und des Konsums, des Einzelhandels, der Unterhaltung und hochwertiger Dienstleistungen. „Verlierer“ des Strukturwandels und auch Migranten finden in den Städten nur noch begrenzten Zugang zum Arbeitsmarkt und haben kaum Aufstiegschancen. Gleichzeitig wird der ökologische Fußabdruck der postindustriellen Stadt immer größer, da man sich bei der Auslagerung der materiellen Produktion um die Probleme der Ressourcen, der Abfallentsorgung und der Emissionen nicht mehr kümmern muss.

 

D´fakto: Sie aber sagen, die Idee der postindustriellen Gesellschaft entspricht gar nicht der Realität?

 

Prof. Dr. Dieter Läpple: Richtig. Denn der Trend zur Dienstleistungsgesellschaft ist keineswegs gleichzusetzen mit einem Verschwinden der Industrie. Konkret sehen wir, dass die Wertschöpfung im verarbeitenden Gewerbe und auch die Zahl der Erwerbstätigen in der großstädtischen Industrie in Deutschland in den letzten Jahren gestiegen sind. Besonders groß ist die Zunahme der Beschäftigten im Bereich der industrienahen Dienstleistungen. Wir beobachten also nicht eine Ablösung der Industrie durch Dienstleistungen, sondern eine Transformation, die zu neuen Verflechtungs- und Bedingungszusammenhängen von Industrie und Dienstleistung führt. Wir haben heute gewissermaßen eine Dienstleistungsgesellschaft auf einem industriellen Nährboden.

 

D´fakto: Sie setzen dem entgegen das Konzept der „Produktiven Stadt“. Was macht diese aus?

 

Prof. Dr. Dieter Läpple: Stichpunktartig beinhaltet dieses Konzept folgende Ideen:

Die „Produktive Stadt“ besinnt sich wieder auf die Materialität und die spezifische Produktivität der Stadt: 

 

       - Sie basiert auf einer „materiellen Wende“: Die materielle Produktion in ihren vielfältigen Formen rückt wieder in den Fokus der Stadtentwicklung;

       -  sie strebt eine Überwindung der funktionalen Trennung und Ausdünnung an;

       -  sie setzt auf eine Netzwerkökonomie und eine Verknüpfung von „Thinkers“ und „Makers“;

       -  sie ist eine inklusive Stadt mit einem Mosaik unterschiedlicher Arbeitswelten, Wohnlandschaften und Lernarenen.

 

D´fakto: Stellt sich aber die Frage: Ist die „Produktive Stadt“ tatsächlich möglich? Wo finden sich Ansatzpunkte, den Weg dorthin voranzutreiben?

 

Prof. Dr. Dieter Läpple: Der tiefgreifende Wandel der Globalisierung, die Digitalisierung der Ökonomie und neue Konsumorientierungen eröffnen den Städten aus meiner Sicht neue Möglichkeiten. Der Konkurrenzvorteil von Billiglohnländern wird immer brüchiger. Immer mehr Menschen wollen wissen, wer ihre Produkte wie und mit welchen Materialien produziert.

Industrie 4.0, die computergesteuerte Fertigung in offenen Werkstätten, die additive Produktion bzw. 3-D-Drucker, eine dezentrale Energieproduktion, Kreativ- und Reparaturökonomie sind einige Entwicklungskorridore, die eine urbane Produktion verstärkt möglich machen. Beispiele gibt es dafür bereits: Wenn z. B. die Firma Adidas die Schuhproduktion zurück nach Deutschland holt in die Adidas Speedfactory nach Ansbach. Dort entstehen die Schuhe maßgeschneidert mit dem 3-D-Drucker, werden individuell gefertigt und sind schnell beim Kunden. Oder wenn die Firma Wittgenstein bastian in Fellbach die Produktion in Deutschland durch Industrie 4.0 sichert. Die neue Stadtfabrik wurde unmittelbar neben einer Passivhaussiedlung gebaut, und die Abwärme aus der Produktion wird direkt in die Heizung der Wohnhäuser eingespeist. Oder wenn ein Start-up Unternehmen demnächst seinen selbstfahrenden Minibus aus dem 3-D-Drucker in Berlin in Alt-Treptow herstellt.

 

D´fakto: Was bedeutet die „Produktive Stadt“ für die Stadtentwicklung?

 

Prof. Dr. Dieter Läpple: Für eine nutzungsgemischte Stadt brauchen wir auch neue architektonische Formen. Benötigt wird u. a. eine Industrie- und Gewerbearchitektur, die es ermöglicht Funktionen zu stapeln und gewerbliche Funktionen intelligent in die Stadt einbindet, z. B. in Form mehrstöckiger Hybridgebäude, wo Wohnen, Verkaufen und Produktion ihren Platz finden und die jederzeit flexibel umgestaltet werden können. Ein Beispiel ist die Umnutzung des ehemaligen Huckepackbahnhofs in Hamburg, wo Kulturproduktion mit den Opernwerkstätten und den Opernfundi, kreative Produktion, produktionsorientierte Dienstleistungen, Gastronomie und soziale Infrastrukturen gemeinsam ihren Platz finden. Ein anderes Beispiel in Hamburg-Wilhelmsburg ist der „Welt-Gewerbehof“ als Teil des Wohnquartiers „Weltquartier“, wo in Form eines Garagenhofs ein wohnungsnaher Arbeitsort für lokale Betriebe und Existenzgründer entsteht.

 

D´fakto: Kurze Abschlussfrage: Wo sehen Sie „Stolpersteine“ auf dem Weg zu einer „Produktiven Stadt“?

 

Prof. Dr. Dieter Läpple: Kurze Antwort in Stichpunkten: Stadt und Bevölkerung müssen die Rückkehr der Produktion in die Stadt auch wollen, und sie muss planrechtlich und ökonomisch ermöglicht werden. Das heißt: Ist man bereit, die „Zumutungen“ einer nutzungsgemischten Stadt zu akzeptieren? Die juristischen Rahmenbedingungen müssen geklärt werden und die Baunutzungsverordnung muss angepasst werden. Und es müssen Steuerungs- und Lenkungsformen gefunden und entwickelt werden, um der Wirkkraft des kapitalistischen Bodenmarktes entgegenzutreten, der nicht selten ein Hindernis auf dem Weg zu einer „Produktiven Stadt“ darstellt.