Zur Person

Klaus Burmeister studierte Politologie an der FU Berlin. 

Er ist Foresight-Experte und Autor Head of foresightlab. Das foresightlab ist Plattform und Reallabor für die Realisierung von Foresight-Projekten. 

 



Was sind die zukünftigen wirtschaftspolitischen Herausforderungen der Kommunen

D´fakto: „Was sind die zukünftigen wirtschaftspolitischen Herausforderungen der Kommunen“, so lautete die Überschrift Ihres Vortrags beim Forum deutscher Wirtschaftsförderer. Sie haben in Ihrem Referat zunächst von Zeiten des Umbruchs gesprochen, gerade auch in den Städten. Warum sehen Sie gerade die Städte vor großen Herausforderungen?

 

Klaus Burmeister: Die Städte sind die Arenen, in denen die grundlegenden Veränderungen von Wirtschaft und Gesellschaft erfahren, erprobt und umgesetzt werden. Anders gesagt, sind die Städte die Reallabore für den stattfindenden Wandel und gleichzeitig der Kit für den sozialen Zusammenhalt.

 

D´fakto: „Industrie 4.0“, „Digitale Transformation“, „Internet der Dinge“ sowie „Plattform-Ökonomie“. Dies sind Begriffe, die die aktuellen Veränderungen aus Ihrer Sicht kennzeichnen. Was ist dabei das Wesentliche?

 

Klaus Burmeister: Wir erleben im Zuge der Digitalisierung die Entfaltung neuer Geschäftsmodelle und eine radikale Veränderung von Produktion, Distribution und Konsumption. Es wandelt sich sozusagen das gesellschaftliche Betriebssystem, in dessen Mittelpunkt immer noch die Arbeit steht. Die Veränderungen wälzen den Handel, den Dienstleistungsbereich und insgesamt die Art und Weise, wie wir Güter herstellen und verteilen, um. Dabei hat sich ein internetbasiertes Geschäftsmodell herausgebildet, das als „Plattform-Ökonomie“ bezeichnet wird. Bisher verbinden wir mit diesem Begriff Unternehmen wie Google, Facebook, Amazon, Tencent und Alibaba aus China oder auch Uber oder airbnb. Sie schaffen neue Transaktionsbeziehungen und schieben sich zwischen Hersteller und Kunden. Wenn wir z. B. Mobilität in Zukunft über Plattformen organisieren, wir also über Plattformen den Zugang zu verschiedenen Mobilitätsträgern organisieren, verliert das persönliche Eigentum eines Autos an Bedeutung. Damit würden die Autoproduzenten, die gerade in Deutschland immer noch eine starke Macht darstellen, quasi ins zweite Glied treten und zu Zulieferern werden.

 

D´fakto: Was bedeuten all diese Veränderungen für die Zukunft der Arbeit?

 

Klaus Burmeister: Nach der Automatisierung von Produktion und Dienstleistungsarbeit erleben wir jetzt die Automatisierung von Wissensarbeit. Automatisierung betrifft nicht mehr nur den klassischen Facharbeiter, sondern alle Berufsgruppen – auch Ingenieure, Manager, Rechtsanwälte oder Ärzte. Aktuell findet in den Unternehmen in großem Umfang eine Automatisierung der Sachbearbeitung statt, z. B. wenn die Reisekostenabrechnung oder die Abwicklung von Versicherungsfällen automatisiert wird. Die aktuelle Diskussion um die Zukunft der Arbeit greift dabei zu kurz. Die einen behaupten, die Automatisierung vernichtet Arbeitsplätze, während die anderen die Schaffung neuer erwarten. Was fehlt ist ein systemischer Ansatz, der versucht, die vernetzten Wirkungen digitaler Wertschöpfungsprozesse und den Einsatz von Automatisierungstechnologien bis hin zur künstlichen Intelligenz umfassend zu analysieren. Die Frage, die das Forschungsinstitut der Agentur für Arbeit aufgeworfen hat, zeigt die Brisanz der Entwicklung. Demnach fallen im „Weiter so“-Szenario 1,5 Millionen Arbeitsplätze weg, während im „Wirtschaft 4.0-Szenario“ 1,5 Millionen neue Arbeitsplätze entstehen. Wenn das stimmt, stellt sich doch die Frage, was geschieht einerseits mit den Menschen, deren Qualifikationen im Zuge der Veränderungen nicht mehr benötigt werden, andererseits, welche Qualifikationen werden benötigt und wer bildet diese Menschen aus? Wenn wir dann noch einige Jahre weiterdenken, muss man sicher auch über Elemente wie das bedingungslose Grundeinkommen oder Alternativen zu einer Besteuerung der Arbeit nachdenken. Wir benötigen gerade jetzt eine Politik, die nicht nur verwaltet, sondern den Wandel über eine Legislaturperiode hinaus gestaltet. Wir stehen also vor der gigantischen Herausforderung, gewissermaßen bei voller Fahrt der Lokomotive die Räder wechseln zu müssen.

 

D´fakto: Nach der Beschreibung der Herausforderungen geht es um die Frage der Standortbestimmung: Wo stehen wir? Wo finden sich aus Ihrer Sicht Ansatzpunkte einer Innovationspolitik?

 

Klaus Burmeister: Aktuell müssen wir leider feststellen, dass z. B. die Ausgaben für Forschung und Entwicklung in den kleineren und mittleren Betrieben, die ja in früheren Jahren die Innovationstreiber waren, rückläufig sind, ebenso wie die Gründerzahlen. Beim Dauerthema des Breitband- und Glasfaserkabelausbaus belegen wir inzwischen international nur noch bescheidene Plätze im Mittelfeld. Auch im Bildungssystem, wie gerade von der IGLU-Studie nochmals bestätigt, schaffen wir es nicht, einen sozialen Ausgleich zwischen den Einkommensschichten herzustellen. Wir müssen es jetzt hinbekommen, grundlegende Innovationen anzustoßen. Dies hört sich seltsam an, wenn man vordergründig nur auf die exzellenten wirtschaftlichen Rahmendaten schaut. Aber die sind trügerisch. Wir müssen sicher nicht ganz von vorne anfangen. Es gibt viele Ansätze. Diese gilt es auszubauen und einen Wettbewerb um innovative Lösungen einzuleiten. Wann können wir endlich von Garmisch bis Greifswald in einer App über alle Verkehrsträger hinweg eine Fahrkarte lösen? Im April haben die Verkehrsverbünde begonnen, das Thema aufzugreifen. Wenn sie es nicht tun, macht es Google. Wie können Mobilitätsservices über neuartige Plattformen bis hin zum autonomen Fahren erprobt werden? Erste Ansätze gibt es. Wir sollten endlich die unsäglichen Diesel-Verbotsdebatten beenden. Es geht um eine Neuerfindung der Mobilität: in den Städten und Regionen, für zukunftsfähige Lösungen und für saubere Luft. Diese gilt es auszubauen und z. B. bei der Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur nicht nur in Beton und Teer zu investieren, wie beim Bundesverkehrswegeplan 2030. Wir benötigen für die Mobilität der Zukunft intelligente Infrastrukturen entlang der Verkehrswege mit Echtzeitkommunikation via Glasfaser. Nur so werden wir beim autonomen Fahren in der Champions League spielen. Auch für die KMU ergeben sich mit der Digitalisierung neue Chancen, da über Industrie 4.0 auch wieder eine urbane Produktion in den Städten möglich wird. Ebenso für die Städte, denn viele Entscheidungen und Investitionen im Rahmen der zentralen Innovationsfelder, von der Mobilität über die Energie bis hin zur Logistik, dem Wohnen, Einkaufen und auch dem sozialen Zusammenhalt nehmen hier ihren Ausgang und erfordern eine Verwaltung, die die Chancen der Mitgestaltung erkennt und wahrnimmt.

 

Es kommt jetzt darauf an, Projekte, Modellvorhaben mit Regionen, Unternehmen und zukünftigen Nutzern zu entwickeln, die zeigen, wie z. B. eine Mobilität der Zukunft aussehen kann, wie die Produktion in die Städte zurückgeholt werden kann und wie sich Arbeit organisieren lässt. Dabei spielen einerseits die KMU eine wichtige Rolle, indem sie mehr in Forschung und Entwicklung investieren, vor allem aber auch die Städte, indem sie z. B. endlich das Thema Citylogistik gemeinsam mit Akteuren, wie z. B. mit DHL angehen, die sich ja gesprächsbereit zeigen. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Darum geht es, ganz im Sinne von Erich Kästner. Wir brauchen mehr Mut, etwas mehr Drive und auch eine Idee davon, wohin wir wollen.

 

D´fakto: Sie fordern die Kommunen und Wirtschaftsförderungen auf, sich von klassischen Organisatoren und Strukturen zu verabschieden und Organisationen neu zu denken. Was meinen Sie damit?

 

Klaus Burmeister: Die Städte, Kommunen und Wirtschaftsförderungen sollten sich stärker als Agenten des Wandels begreifen – nicht als Genehmigungsbehörde oder Moderator, sondern als Mitgestalter des Wandels. Sie sollten „Enabler“ sein. Das heißt, sich stärker zu öffnen gegenüber den wirtschaftlichen Akteuren vor Ort, vor allem auch gegenüber den kleineren und mittleren Unternehmen, den Gründern und der Stadtgesellschaft. Ebenso sollten sie verstärkt Kooperationen eingehen und auch überregional denken. Sie sollten selbst zum „Mitspieler“ werden. Da Städte und Wirtschaftsförderer anders als Unternehmen nicht zuerst betriebswirtschaftlich denken, können sie die gesamtgesellschaftlichen Perspektiven einbringen, um nachhaltig tragfähige Lösungen zu entwickeln. Dabei gilt es auch an Grenzen zu stoßen und neue auszuloten. Wenn Innovation „schöpferische Zerstörung“ bedeutet, dann sollten wir dies ernster nehmen. Städtische und Politik insgesamt muss in Zeiten des Umbruchs experimenteller werden, insbesondere weil es den Masterplan nicht gibt und wir uns das Neue gemeinsam erarbeiten müssen. Unser Erfolg, die vielen Vorschriften und Verbote – all dies lähmt uns jetzt. Sie sollten keinesfalls alle über Bord geworfen werden, aber gleichwohl brauchen wir Erprobungsräume für neue, innovative Lösungen. Warum mal nicht nur darüber nachdenken, sondern kreative, lebendige Quartiere ermöglichen, die ein Altersheim, eine urbane Fabrik, einen Kindergarten, „Coworking Hubs“, Logistikflächen und neue Wohnformen in einer Nachbarschaft möglich machen? Zusammengefasst nochmals: Kommunen und Wirtschaftsförderungen sollten nicht in erster Linie Zuschauer sein, sondern als Mitgestalter Anstöße geben. Benötigt werden eine aktive Stadtgesellschaft und eine lernende und ressortübergreifende Stadtentwicklungs- und Innovationspolitik.