Zur Person

 

Dr. rer. nat. Hartmut Schwesinger arbeitete zunächst für die SHELL Gruppe, 1994 – 2005 war er Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Frankfurt und bis 2013 der FrankfurtRheinMain GmbH Int. Marketing of the Region; 2013 gründete er Schwesinger International & Cie.

 

 

Dr. Hartmut Schwesinger
Tel. + 49 69 710 45 63 94

hartmut.schwesinger@schwesingerinternational.com
www.schwesingerinternational.com

 



Wirtschaftsförderer: Ermöglicher – Zukunftsforscher – Blitzableiter

 D´fakto: „Ermöglicher – Zukunftsforscher – Blitzableiter“. So lautete die Überschrift Ihres Vortrags beim Forum deutscher Wirtschaftsförderer. Zunächst aber die Frage: Wer sind für Sie die Ansprechpartner – Sie sprechen von „Kunden“ – der Wirtschaftsförderer? Wo gibt es dabei möglicherweise Konfliktfelder?

 

 

Dr. Hartmut Schwesinger: Die Wirtschaftsförderer sitzen zwischen allen Stühlen – im positiven Sinn. Sie sind Vermittler, Erläuterer und Ermöglicher, wie ich es in meinem Vortrag auch gesagt habe. Auf der einen Seite steht die öffentliche Seite – in erster Linie die Politik, die Verwaltung, die Aufsichtsgremien und schließlich die Bürger. Alle diese Gruppen haben als Auftraggeber das Interesse an einer positiven wirtschaftlichen Entwicklung. Auf der anderen Seite stehen die Unternehmen, für die die Wirtschaftsförderer Ansprechpartner sind und die mit Recht erwarten, dass die Wirtschaftsförderung ihre Interessen vertritt. Daher lautet meine Aufforderung an die Wirtschaftsförderer `zwischen den Stühlen´: „Nutzen Sie das!“

 

Denn diese Ausgangssituation erfordert und ermöglicht eine gewisse Flexibilität, weil es immer darum geht, die Argumentation der anderen Seite zu berücksichtigen und einzubringen. So kann und sollte die Wirtschaftsförderung bei Planungsvorhaben intern die Position der Wirtschaft vertreten und damit einen möglichen Konflikt aus der Öffentlichkeit heraushalten. Oder ein einfaches Beispiel aus meiner Arbeit: Nachdem ein Ortsbeirat eine Einbahnstraßenregelung geändert hatte, konnte ein Handwerksbetrieb nicht mehr von einem Lkw angefahren werden, so dass der Betrieb in seiner Existenz bedroht wurde. Hier konnten wir als Wirtschaftsförderung schnell vermittelnd tätig werden, ohne dass der Konflikt eskalierte. Zusammengefasst: Für einen Wirtschaftsförderer ist es zwingend erforderlich, sich in die Sichtweise anderer hineinzudenken und diese zu vertreten, ohne die eigene Position komplett aufzugeben.

 

Etwas differenzierter ist die Situation bei der Standortwerbung zu sehen. Denn hier müssen die Unternehmen ja zunächst überzeugt werden, dass die Stadt, die Kommune oder die Region für sie interessant ist.

 

D´fakto: Wirtschaftsförderer als „Blitzableiter“: Was bedeutet das?

 

Dr. Hartmut Schwesinger: Es gibt von Politik und Verwaltungen immer wieder Entscheidungen, über die sich die Wirtschaft ärgert. Dann hilft es, wenn der Wirtschaftsförderer in der Lage ist, die Argumentation der Unternehmen zu akzeptieren, vielleicht auch deren Ärger über sich „ergehen“ zu lassen, ohne dass sich die Entscheidung ändern lässt. Das kann zumindest dazu beitragen, dass Ärger und Verbitterung nicht eskalieren. Ich erinnere mich an ein solches Gespräch, an dessen Ende ein Unternehmer zu mir sagte: „Ich habe ja nicht wirklich erwartet, dass Sie mir helfen können, aber Sie haben mir zumindest zugehört.“ Dies ist aus meiner Sicht ein Wert für sich, und diese Rolle der Wirtschaftsförderer wird oft unterschätzt.

 

D´fakto: Wirtschaftsförderer als „Ermöglicher“: Was beinhaltet dies vor allem?

 

Dr. Hartmut Schwesinger: Wie das Wort schon sagt: Der Wirtschaftsförderer sollte in erster Linie „die Wirtschaft fördern“. Das heißt vor allem, dass er die Belange der Wirtschaft vertritt und ein erfolgreiches Wirtschaften in einer Stadt, einem Kreis oder einer Region ermöglicht. Da geht es z. B. um das große Thema der Gewerbegebietsentwicklung, um Erschließungsfragen und natürlich aktuell um die Versorgung mit Glasfaserkabeln und schnellem Internet. Aufgabe der Wirtschaftsförderung ist es, die Probleme zu erkennen und Lösungen herbeizuführen. Oft geht es dabei einfach auch darum, Dinge zu beschleunigen, z. B. ausländische Unternehmen, die Mitarbeiter nach Deutschland holen möchten, bei Anträgen bei der Ausländerbehörde zu unterstützen und umgekehrt mit der Behörde abzuklären, welche Unterlagen erforderlich sind. 

 

D´fakto: Stichpunkt „Zukunftsforscher“: Was verstehen Sie darunter? Und was sind für Sie die aktuell wichtigsten Herausforderungen, denen Wirtschaftsförderer sich stellen müssen?

 

Dr. Hartmut Schwesinger: Wirtschaftsförderer als Zukunftsforscher – das heißt für mich: Der Wirtschaftsförderer sollte immer das „Ohr auf den Gleisen haben“, also Entwicklungen antizipieren. Konkret bedeutet das zum Beispiel, Nischen zu finden, die für die eigene Kommune interessant sein können. Dabei gilt es durchaus auch, die Vorschläge, die aus der Wirtschaft kommen, kritisch zu hinterfragen.

 

Das große aktuelle Thema ist sicherlich die Digitalisierung. Und sicher ist auch, dass die Entwicklung hier nicht linear verläuft, sondern exponentiell. Außerdem wird es „Abzweigungen“ in der Entwicklung geben, die wir im Moment noch nicht sehen oder einschätzen können. Die Wirtschaftsförderer müssen daher „out of the box“ denken. Sie sollten sich als Querdenker verstehen. Zum Beispiel sind wir auf das Thema autonomes Fahren noch in keiner Weise vorbereitet. Was brauchen wir an Servern und Ladestationen? Diese und ähnliche Fragen müssen wir angehen. Warum machen wir in einer Kommune vor dem Hintergrund des Online-Shoppings nicht mal einen Arbeitskreis „Wie gestalten wir eine lebendige Innenstadt ohne Einzelhandel?“ oder konkreter „Was bedeutet 100 % autonome E-Mobilität für unsere Stadt?“ Gerade in der aktuellen Situation sollten Wirtschaftsförderer den „Grenzübergang“ wagen und Extreme denken.