Zur Person

Dr. Alexander Fink ist Vorstand der ScMI Scenario Management International AG.

Er unterstützt Unternehmen, Organisationen und Kommunen bei der Zukunfts- und Strategieplanung.

 

Dr. Alexander Fink
Tel. +49 5251 150-572
fink@scmi.de
www.scmi.de




Mit Zukunftsszenarien den strategischen Dialog von Wirtschaft, Verwaltung und Wirtschaftsförderung gestalten

D´fakto: "Mit Zukunftsszenarien den strategischen Dialog von Wirtschaft, Verwaltung und Wirtschaftsförderung gestalten“. So lautete der Titel Ihres

Vortrags beim Forum deutscher Wirtschaftsförderer. Sie haben diesen mit der Headline „Zukunft war gestern“ eingeleitet. Was heißt das? Sollen wir

uns nicht mehr mit der Zukunft beschäftigen?

 

Dr. Alexander Fink: Ganz im Gegenteil. Aber die Zeit, in der wir die zukünftigen Rahmenbedingungen unserer Stadt, unseres Landkreises oder unserer

Region exakt vorhersagen konnten, ist vorbei. Diejenigen, die dies versuchen, scheitern immer wieder, weil sie sich an starren Fehlprognosen

orientieren.

 

D´fakto: Aber was ist dann die Lösung? Brauchen wir bessere Prognosesysteme, wie sie uns digitale Ansätze wie „Big Data“ oder „Predictive Analytics“

versprechen?

 

Dr. Alexander Fink: Keine Frage: diese Ansätze haben ein großes Potenzial, aber nicht bei der strategischen Ausrichtung. Hier müssen wir einfach

akzeptieren, dass unsere politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und technologischen Umfelder komplex geworden sind und ihre Zukunft

ungewiss ist. Wir müssen einfach verschiedene Möglichkeiten durchdenken – sozusagen mehrere „Zukünfte“ im Blick behalten. Solche Bilder

denkbarer Zukunftsverläufe werden als Szenarien bezeichnet.

 

D´fakto: Das klingt sehr kompliziert ...

 

Dr. Alexander Fink: Das ist in der Tat nicht der einfachste Weg. Aber schon Albert Einstein hat gesagt, dass es für jedes komplexe Problem eine

einfache Lösung gibt, nur die sei eben falsch. Daher dürfen wir die Komplexität nicht ausblenden, sondern müssen Methoden und Werkzeuge nutzen,

um sie handhabbar zu machen.

 

D´fakto: Und ein solches Werkzeug zur Komplexitätshandhabung sind Zukunftsszenarien? Was muss man dabei beachten?

 

Dr. Alexander Fink: Zunächst ist es wichtig, dass Szenarien etwas anderes sind als Strategien. Zukunftsszenarien befassen sich zunächst mit „der Welt

da draußen“ – also außerhalb einer Kommune oder eines Unternehmens. Mit ihnen verschafft man sich einen Überblick über die

Rahmenbedingungen, auf die man in der Zukunft stoßen könnte. Sie sind wie ein „Wetterbericht“ für das eigene Handeln.

 

D´fakto: Aber ist das nicht sehr umständlich? Die meisten Entscheider in Wirtschaft, Verwaltung und Politik wollen doch gestalten – und nicht einfach

nur ein wenig in die Zukunft schauen.

 

Dr. Alexander Fink: Diesen Gegensatz würde ich so nicht akzeptieren. Für eine gute und robuste Entscheidung ist es aber unerlässlich, dass man weiß,

in welchem Umfeld man zukünftig agiert. Sie packen in den Sommerferien ja auch nicht zuerst Ihren Koffer und sehen erst dann nach, wohin die Reise

geht und welches Wetter am Urlaubsort herrscht.

 

D´fakto: Und solche Szenarien entwickeln Sie für verschiedene Branchen oder Regionen? Wie können Sie überhaupt in so vielen unterschiedlichen

Themenfeldern tätig sein?

 

Dr. Alexander Fink: Szenarien sind nur höchst selten das Produkt eines externen Beraters. Die meisten guten Szenarien entstehen in einem

ergebnisoffenen Gruppenprozess. Dabei setzen sich beispielsweise in einer Region die Vertreter aus Politik und Verwaltung sowie von Unternehmen

und gesellschaftlichen Initiativen zusammen und erarbeiten Schritt für Schritt ihre Szenarien. Und da sie dabei sehr unterschiedliche Zukunftsbilder

aufzeigen, entsteht eine gemeinsame „Landkarte der Zukunft“. Der Vorteil ist also, dass man sehr wohl unterschiedlicher Meinung sein kann, aber

trotzdem ein gemeinsames Ergebnis erarbeitet.

 

D´fakto: Dann ist Szenario-Management auch ein Werkzeug, um einen strategischen Dialog zu führen?

 

Dr. Alexander Fink: Eindeutig ja. Lassen Sie mich ein Beispiel aufzeigen: Wir haben in der Hochzeit der Flüchtlingskrise im Herbst/Winter 2015

gemeinsam mit der Europäischen Grenzschutzagentur Frontex solche Szenarien entwickelt. Daran beteiligt waren viele verschiedene Personen und

Institutionen: von der griechischen Küstenwache über den ungarischen Grenzschutz bis zur OECD und dem UN-Flüchtlingshilfswerk. Diese Akteure

hatten naturgemäß sehr unterschiedliche Sichtweisen auf das Thema – aber sie haben gemeinsam eine Landkarte mit verschiedenen Zukünften

entworfen, auf denen dann robuste Handlungsoptionen aufsetzen konnten.

 

D´fakto: Und so etwas lässt sich auch für eine Wirtschaftsförderung umsetzen?

 

Dr. Alexander Fink: Lassen Sie mich mit zwei Gegenfragen antworten: Ist das Umfeld einer Wirtschaftsförderung komplex? Und ist es ungewiss, wie

sich die Zukunft entwickelt? Wer auf beide Fragen mit „Ja“ antwortet, der sollte sich intensiver mit Zukunftsszenarien beschäftigen. Zudem gibt es eine

ganze Reihe von Beispielen, wo Kommunen oder Regionen solche Szenarien erfolgreich eingesetzt haben – die Stadt Lemgo beispielsweise, der

Landkreis Hameln-Pyrmont oder der Kanton Wallis in der Schweiz. Ein übergeordnetes Beispiel ist auch noch der offene Dialogprozess „Deutschland

2030 – Eine Landkarte für die Zukunft“ (www.d2030.de).

 

D´fakto: Gibt es denn Erfolgsfaktoren für solche Zukunftsprozesse im Wirtschaftsförderungs-Umfeld?

 

Dr. Alexander Fink: Natürlich muss ein solcher Prozess thematisch sauber aufgesetzt werden – aber das gilt ja für jedes Projekt. Hier ist es zudem

notwendig, dass alle Beteiligten auch wirklich ergebnisoffen arbeiten wollen, können und dürfen. Ein Projekt nach dem Motto „Entwickelt mal

Szenarien, aber die müssen später meine Strategie bestätigen“ kann niemals erfolgreich sein. Und außerdem ist es notwendig, dass der

Entscheiderkreis – egal ob in Politik, Verwaltung oder Unternehmen – bereit ist, sich auf eine unsichere Zukunft einzulassen.

 

D´fakto: Wie sollte dieser Entscheiderkreis denn eingebunden werden?

 

Dr. Alexander Fink: Hier gibt es unterschiedliche Ansätze. Natürlich ist es gut, wenn Entscheider sich direkt einbringen, also persönlich an Workshops

teilnehmen. Aber wir wissen alle, dass es schwierig ist, sich mehrere Tage für so einen Prozess zu reservieren. Dann ist es aber unabdingbar, dass die

mit dem Zukunftsprozess betrauten Personen das Vertrauen der Entscheider genießen. Denn eines ist klar: Mit den Szenarien endet der

Zukunftsprozess nicht, sondern er fängt eigentlich gerade an.

 

D´fakto: Das müssten Sie noch einmal erklären!

 

Dr. Alexander Fink: Szenarien zeigen auf, wie sich unser Umfeld verändern könnte. Nun geht es aber darum zu überlegen, wie wir in unserer Kommune

oder unserem Unternehmen damit umgehen. Auf welche Szenarien stützen wir unsere Entscheidungen? Welches ist unsere strategische

Stoßrichtung? Und gegen welche weiteren zukünftigen Möglichkeiten sichern wir uns ab?

 

D´fakto: Und was unterscheidet dann ein Szenario-Management von einer üblichen Strategie-Diskussion?

 

Dr. Alexander Fink: Wir blenden die Ungewissheit nicht mehr aus. Wir versuchen sie zu verstehen und dann bessere, robustere Entscheidungen zu

treffen. Man könnte auch sagen: Die Zukunft wird uns immer überraschen, aber sie sollte uns nicht überrumpeln.