Zur Person

 

Dr. rer. pol., Dipl.-Ing. Frank Betker studierte Stadtplanung, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Aachen und Oldenburg. Seit 2003 ist er Lehrbeauftragter an der RWTH in Aachen sowie seit 2012 Wissenschaftler in der Arbeitsgruppe Sozialökologische Forschung im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt – Projektträger, in Bonn.

 

Dr. Frank Betker
Tel. +49 228-3821-1975
frank.betker@dlr.de
www.dlr.de



Wie können nachhaltige Ressourcengemeinschaften in Gewerbegebieten erfolgreich etabliert werden?

D´fakto: Verschwenderischer Flächenverbrauch für neue Gewerbegebiete an den Stadträndern und im ländlichen Raum einerseits, Abnutzungserscheinungen bei älteren eher innenstadtnahen Gewerbeflächen andererseits – diese Entwicklungen stehen nach Ihrer Auffassung einer nachhaltigen, auf Klimaschutz gerichteten Gewerbegebietsentwicklung bisher entgegen. Warum?

 

Dr. Frank Betker: Bisher zieht es die Unternehmen auf Gewerbeflächen an den Stadträndern und im ländlichen Raum, weil diese – zumindest auf den ersten Blick – attraktiver erscheinen. Dies führt zwangsläufig zur weiteren Versiegelung von Flächen. In den Städten stehen aber oft Flächen zur Verfügung, die in den 60er- und 70er-Jahren entstanden sind, allerdings starke Abnutzungserscheinungen aufweisen, weil im öffentlichen Raum und häufig auch an Gebäuden und Anlagen nicht genügend getan wurde, um sie attraktiv zu erhalten. Hier wäre also eine Revitalisierung erforderlich, um der Neuausweisung etwas entgegenzusetzen und eine nachhaltige Gewerbegebietsentwicklung zu ermöglichen.

 

D´fakto: Was müsste geschehen?

 

Dr. Frank Betker: Probleme, die sich in älteren, innerstädtischen Gewerbegebieten stellen, sind zum Beispiel Fragen der Verschmutzung, der Sicherheit, der Ordnung des Verkehrs und der Orientierung. An erster Stelle ist es wichtig, das Erscheinungsbild zu verbessern und damit auch die Aufenthaltsqualität. Grünflächen müssen gepflegt und neue geschaffen werden, asphaltierte Flächen müssen, wo dies möglich ist, entsiegelt werden, einheitliche Firmen- und Hinweisschilder erleichtern die Orientierung – und nicht zuletzt kann eine Videoüberwachung das Ausmaß an Vandalismus eindämmen. Bei all diesen Maßnahmen müssen natürlich die Unternehmen und die für die öffentlichen Räume zuständigen Kommunen Hand in Hand arbeiten.

 

D´fakto: Und was muss passieren, um wirklich einen Nachhaltigkeitseffekt zu erzielen?

 

Dr. Frank Betker: Eine geringere Versiegelung und die Entsiegelung von Flächen unterstützt zunächst mal den Klimaschutz und die Klimaanpassung. Die gemeinsame Regenwasser- und Abwärmenutzung, die Errichtung von Photovoltaikanlagen, der gemeinsame Einkauf von Energie, das Energiecontracting, können weitere Nachhaltigkeitseffekte bewirken. Hier sollte die öffentliche Seite erste Schritte tun und damit Impulse für die Unternehmen geben, auch selbst zu investieren, denn letztendlich hilft eine nachhaltige Entwicklung, den Unternehmen Kosten zu sparen und verbessert auch Image und Selbstdarstellung.

 

D´fakto: Sie sprechen von einem erforderlichen, neuen Gesellschaftsvertrag, um eine nachhaltige Gewerbegebietsentwicklung erreichen zu können. Was verstehen Sie darunter?

 

Dr. Frank Betker: Voraussetzung für eine nachhaltige Gewerbegebietsentwicklung ist, dass die Unternehmen zusammenarbeiten und sich organisieren – gleichsam eine nachhaltige Ressourcengemeinschaft bilden. Manche Dinge müssen zunächst durch die öffentliche Hand angestoßen werden. Als Ansprechpartner, um Fördergelder zu erhalten und um letztlich den ganzen Prozess der nachhaltigen Gewerbegebietsentwicklung zu organisieren und zu verstetigen, ist aber eine vertraglich-rechtssichere Organisation der Unternehmen notwendig, z. B. mittels Verein oder gemeinnütziger Gesellschaft. So kann auch ein Gewerbegebietsmanagement beauftragt und eingerichtet werden, das die Prozesse und Maßnahmen im Gebiet organisiert. Hier kann dann auch die Kommune ein Wörtchen mitreden. Denn ohne eine externe professionelle Hilfe und kommunale Unterstützung können die Unternehmen diese Aufgabe alleine nicht meistern.

 

D´fakto: Es gibt in den Niederlanden und in Flandern verschiedene Beispiele eines nachhaltigen Gewerbegebietsmanagements, aber auch in Deutschland. Was zeichnet diese Projekte aus? Was unterscheidet sie?

 

Dr. Frank Betker: Im Rahmen eines Forschungsprojekts habe ich mich mit Gewerbegebietsentwicklungen im Ausland beschäftigt. Dabei sind wir schnell auf Beispiele in den Niederlanden und im belgischen Flandern gestoßen, wo von staatlicher Seite mit Milliardensummen Revitalisierungsprojekte auf den Weg gebracht wurden, quasi „top-down“. Voraussetzung für einen Geldfluss war aber immer, dass es in den Gewerbegebieten Vereinigungen der Unternehmen, z. B. als gemeinnützige Einrichtung, gibt. Konkret hieß es: „Wenn wir als Staat Gelder geben, müsst ihr euch organisieren und sagen, was ihr wollt und was euch wichtig ist.“ („bottom-up“) Auch die Kommunen wurden in die Prozesse einbezogen. Außerdem war es verpflichtend, ein Parkmanagement einzurichten. Auf diese Weise ist in den Niederlanden und in Flandern auch ein Markt für das Parkmanagement entstanden, sodass es eine Auswahl gab und leichter wurde, auch den passenden Parkmanager zu finden.

 

D´fakto: Und in Deutschland?

 

Dr. Frank Betker: In Deutschland gibt es dieses gerade beschriebene Zusammenspiel von „Top-down“ und „Bottom-up“, dass also der Staat einige Rahmenbedingungen vorgibt, die Unternehmen aber selbst entscheiden, was für sie wichtig ist, bisher nicht. In Deutschland haben wir uns mit der Standortinitiative Neue Neckarwiesen in Esslingen (SINN e.V.) und dem Industriegebiet Motzener Straße in Berlin-Tempelhof-Schöneberg beschäftigt. In beiden Fällen haben sich die Unternehmen selbst organisiert, ein Gewerbegebietsmanagement eingerichtet und Projekte zur nachhaltigen Entwicklung der eigenen Gewerbegebiete auch mit Unterstützung der Kommunen finanziert. In Berlin ist der Energieverbrauch das zentrale Thema. Dort hat man sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, bis 2050 die CO2-Emissionen auf Null zu reduzieren – durch Energieeinsparung und Energieeffizienz. Die konkreten Projekte unterscheiden sich von Kommune zu Kommune und Gewerbegebiet zu Gewerbegebiet. Grundsätzlich zeigen aber beide Initiativen, dass mit Hilfe verschiedener Fördermöglichkeiten manches möglich ist. Eine stringente Organisation wie in den Niederlanden oder Flandern sowie ein Markt für Gewerbegebietsmanagement fehlen aber bisher in Deutschland und damit auch eine breite nachhaltige Revitalisierung.

 

D´fakto: Zusammenfassend die Frage: Sie haben fünf Säulen einer erfolgreichen Institutionalisierung von nachhaltigen Ressourcengemeinschaften in Gewerbegebieten skizziert. Welche Säulen sind dies?

 

Dr. Frank Betker: Die erste Säule ist die zwischenbetriebliche Zusammenarbeit der Unternehmen in einem Gewerbegebiet in einer rechtlich handlungssichernden Form, verbunden mit Arbeitsgruppen und konkreten Projekten. Säule zwei ist die Einrichtung eines Gewerbegebietsmanagements als operative Handlungsebene, die Maßnahmen organisiert und umsetzt und die Kommunikation zwischen den Betrieben, aber auch den externen Partnern unterstützt. Drittes Element ist die Mitwirkung der staatlichen Ebene, sprich von Bund, Land und Kommune, die die Akteure zusammenbringt, den Rahmen setzt und die Projekte vor allem auch fördert. Punkt vier ist die Gestaltung der Institutionalisierung als Top-down- und Bottom-up-Prozess, sodass sich das Engagement und die Prozesse verstetigen und letztlich Identifikation entsteht. Schließlich entscheidend ist die Vision und Leitlinie der Nachhaltigkeit als strukturierender Impuls für alle Akteure, sodass am Ende auch ins Bewusstsein rückt, dass eine nachhaltige Revitalisierung von Gewerbegebieten letztlich allen – den Menschen, den Unternehmen und den Kommunen – Vorteile bringt, auch unter Kostengesichtspunkten.