Prof. Dr. Rump

Zur Person

Prof. Dr. Jutta Rump gehört seit 2007 zu den 40 führenden Köpfen des Personalwesens. Als Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Ludwigshafen und Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability beschäftigt sie sich mit Trends in der Arbeitswelt. Mit D’fakto sprach sie darüber, wie die Digitalisierung unser Arbeitsleben jetzt und in Zukunft prägt und welche Anforderungen diese Veränderungen an Arbeitnehmer und Führungskräfte stellen wird.

 

Prof. Dr. Jutta Rump:
Institut für Beschäftigung und Employability IBE
Ernst-Boehe-Straße 4
67059 Ludwigshafen
Tel. +49 621 5203-238
jutta.rump@ibe-ludwigshafen.de



Die vierte Dimension der Digitalisierung

 

D’fakto: Frau Prof. Rump, die demographische Entwicklung und die damit einhergehende Verknappung der Arbeitskräfte und Alterung der Belegschaften beschäftigt Unternehmen schon seit Längerem. Was sind weitere Trends, die die Arbeitswelt der Zukunft prägen werden?

Rump: Wir werden mehr Diversität und Vielfalt in den Belegschaften erleben – und eine zunehmende Feminisierung der Arbeitswelt. Der Wertewandel wird weiter fortschreiten, Zeit wird wichtiger als bezahlte Überstunden, Work-Life-Balance gewinnt an Bedeutung und wird für viele Menschen zum Lebensentwurf. Ein ganz großer Trend aber ist die Digitalisierung: Angesichts von miteinander kommunizierenden Maschinen – Stichwort Industrie 4.0 – erleben wir eine Beschleunigung bei gleichzeitiger Komplexität. Wir wandeln uns immer weiter zur Wissens- und Innovationsgesellschaft. 

D’fakto: Sie nennen die Digitalisierung als ganz wesentlichen Trend. Sind die Menschen ausreichend auf die Veränderungen vorbereitet, die sich dadurch ergeben?

Rump: Das Problem ist, dass wir noch gar nicht wissen, wo uns die Digitalisierung letztlich hinführen wird. Wir können deshalb – anders als bei Change-Prozessen – den Menschen keinen Zielpunkt nennen, kein Big Picture zeichnen. Insofern kann man Mitarbeiter gar nicht wirklich darauf vorbereiten. Das erfordert ganz viel Vertrauen von Seiten der Mannschaft. Wir müssen Orientierung geben, Vertrauen schaffen, glaubwürdig sein. Werte und die Vermittlung einer optimistischen Grundhaltung sind jetzt ganz wichtig, wenn dieser Weg hin zur Digitalisierung gelingen soll. Das wird eine große Herausforderung.

D’fakto: Die Digitalisierung wird das gesamte Arbeitsleben umkrempeln. In welche Bereiche und Ebenen reicht sie überall hinein?

Rump: Richtig. Die Digitalisierung spielt in die unterschiedlichsten Ebenen des Arbeitslebens hinein. Da ist zunächst mal der Arbeitsplatz, wir nennen das Mikro-Ebene: Kommunikation, Arbeitsmittel, Arbeitsmodelle sind hier betroffen. Dann kommt die Meso-Ebene, die betriebliche Ebene: Anforderungsprofile und Qualifizierung werden von der Digitalisierung ebenso berührt wie die gesamte Unternehmenskultur, Arbeitsabläufe und Organisationsstrukturen. Schließlich tangiert die zunehmende Digitalisierung noch die Makro- und Meta-Ebene, nämlich rechtliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen und das politische Umfeld. Das geht von der Entwicklung neuer Berufe über das Thema Datenschutz bis hin zur Veränderung gesellschaftlicher Werte.

D’fakto: Wie wird die Digitalisierung die Mitarbeiterführung verändern? Welche Anforderungen stellt die Digitalisierung an Führungskräfte?

Rump: Unternehmen müssen lernen, mit Spannungsfeldern umzugehen und Dinge auszubalancieren, die eigentlich Gegensätze sind, beispielsweise stationäre Arbeit und mobile Arbeit, das Führen von Kernmannschaften und Satelliten-Teams, Personalanpassung trotz Fachkräfteknappheit. Unternehmen müssen gleichzeitig bewahren und verändern, sie müssen die berufliche und private Situation von Mitarbeitern im Blick haben, wenn sie allen Anforderungen gerecht werden wollen. Das bringt enorme Herausforderungen für Führungskräfte mit sich. Aber: Nicht jeder kann alles. Führungskräfte sind keine eierlegenden Wollmilchsäue. Sondern: Sie sollten sich ihrer eigenen Stärken und Schwächen bewusst sein und auch der ihrer Kollegen, so dass sie genau wissen: Wer deckt diesen Bereich ab, den ich nicht so gut kann. Wer ist mein Pendant? Rollen und Aufgaben sollten innerhalb eines Teams nach Talenten definiert werden.

D’fakto: Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, Mitarbeiter langfristig zu motivieren und im Unternehmen zu halten?

Rump: Mitarbeiter wollen ernst genommen werden, sie wollen einbezogen werden, sie legen großen Wert auf Partizipation und Teilhabe. Unternehmerische Entscheidungen müssen nachvollziehbar sein. Zugleich spielt eine immer größere Rolle, dass Work-Life-Balance einen Wert an sich darstellt, Unternehmen müssen auf die Lebensphasen der Mitarbeiter eingehen, jeder möchte mit seinem Leben und seiner Zeit souverän umgehen. Zeit spielt eine wichtigere Rolle als eine höhere Gehaltsstufe. Beispielhaft dafür ist der Tarifvertrag in der Metall- und Elektroindustrie: Rund 190.000 Mitarbeiter haben für 2019 beantragt, ihre Lohnerhöhung in Urlaub umwandeln zu können. Solchen Entwicklungen müssen Unternehmen in Zukunft Rechnung tragen.

D’fakto: Umgekehrt: Was müssen Beschäftigte in Zukunft an Skills mitbringen?

Rump: Wir verzeichnen eine steigende Bedeutung von Generalistenwissen, aber auch von IT-Grundkompetenzen und Medienkompetenzen. Lernbereitschaft und Veränderungsbereitschaft müssen gegeben sein, ein Leben lang. Niemand kann mehr davon ausgehen, dass er den einmal erlernten Beruf ein Leben lang ausüben wird. Wir müssen bereit sein, immer wieder über den eigenen Tellerrand zu blicken und uns neuen Herausforderungen zu stellen. Wir brauchen aber auch kreative Kompetenz und empathische Fähigkeiten – und Social Skills wie Selbstmanagement und Selbstorganisation. Und natürlich Optimismus und Frustrationstoleranz.

D’fakto: Wenn wegen der Digitalisierung viele Routineaufgaben von Computern erledigt werden, was bleibt dann für die Menschen übrig? Welche Tätigkeitsfelder werden in Zukunft gefragt sein?

Rump: Grundsätzlich wird die Digitalisierung in ganz viele Bereiche des Arbeitslebens hineinragen. Wir erwarten, dass kognitive und manuelle Routineaufgaben auch in sehr komplexen Prozessen zunehmend durch Algorithmen und Roboter übernommen werden. Dies betrifft vor allem Mitarbeiter des mittleren Qualifikationssegments – vom Radiologen bis zum Reporter, vom Controller bis zum Buchhalter. Ich bin dennoch überzeugt davon, dass durch die Digitalisierung positive Beschäftigungseffekte entstehen – sowohl direkt aus der Digitalisierung, als auch daraus, dass durch die Technologisierung in bestimmten Tätigkeiten Ressourcen freiwerden, die sinnvoll eingesetzt werden können. Es besteht durchaus die Option, Zeitwohlstand zu generieren, also Zeitreserven zu heben, die dann sinnvoll z. B. im Rahmen der Individualisierung von Kundenwünschen, der Erweiterung des Leistungsspektrums, Generierung von Innovationen eingesetzt werden könnten, was wiederum positive Beschäftigungseffekte nach sich ziehen kann.